Zwischen Vieldeutigkeit und Bedeutungslosigkeit: Wie die Angst vor der eigenen Haltung „Little Women“ im Weg steht

Schaut man so manches Werk des gegenwärtigen Autorenkinos, so liegt der Verdacht nahe, dass nicht wenige Filmemacher die Ästhetik ihres Mediums doch eigentlich verachten. Karge Kulissen, kühle, melancholische Charaktere, die sich die meiste Zeit über anschweigen und ein Verzicht auf jeglichen Unterhaltungswert. Das muss doch große Kunst sein. Oder? Greta Gerwig liefert den cineastischen Einspruch gegen einen solchen Snobismus. Little Women ist laut, chaotisch, quatschig, hier und dort kitschig und nicht zuletzt auch von großer Schönheit. Ein Plädoyer gegen die so elitäre wie falsche Gleichsetzung von Schönheit, Opulenz und Unterhaltsamkeit mit Geistlosigkeit. Die vorzüglichen Qualitäten einer bürgerlichen Ästhetik integriert in ein subversives Werk.

Kunst produziert Solidarität

Natürlich sehen wir einen feministischen Film. Ein Film über die Möglichkeiten und Hürden einer Zeit, die zwar vergangen ist, deren Echo aber dennoch bis heute resoniert. Greta Gerwig jedoch versteht im Gegensatz zu manch anderem Filmemacher die Ambiguität zum Einen der Welt und zum Anderen des Films, der letztlich immer von jener erzählt. Die Kunst ist hier nicht bloß der verkümmerte Bote einer zeitgenössischen Moral, sie ist Zweck an sich. Ihre Botschaft ist genau dadurch wirkungsmächtig: Die Welt ist nicht weiß und schwarz, nie nur gut und nur böse. Es ist nicht ein Relativismus, der hier spricht, es ist die Anerkennung von Dialektik.

Was ist die Ehe? Ein ökonomisches Konzept, wie es Saoirse Ronan in leider recht plakativen Szenen, in denen der Film seiner visuellen Kraft nicht vollends zu trauen scheint, mehrmals betont? Ein Akt der Liebe, wie ihn Emma Watson begeht? Auf Kluge Art antwortet Little Women: Beides. Durch das Zulassen von Doppelbödigkeit, von Mehrdeutigkeiten und durch die Ablehnung allzu einfacher Wahrheiten gelingt es, weg von so simpler wie spröder Pädagogik und hin zu einer Wahrhaftigkeit zu gelangen. Es sind Sequenzen wie diese, in denen aus Figuren Menschen werden und sie nicht bloß leere Repräsentanten politischer Ideen bleiben. Kunst ist kein akademischer Aufsatz, nur so kann sie wirken, aufklären und vor allem: Solidarität stiften.

Die größte Stärke von Little Women ist eben dieser solidarische Moment. Es ist der ungeheure Respekt vor seinen Charakteren, der das Werk hervorstechen lässt. Weit zu Beginn sehen wir eine Szene, in der die angehende Schriftstellerin und der Kritiker im Streit sind. Recht haben im Grunde beide von ihnen, doch hätten wohl die meisten zeitgenössischen Werke der Einfachheit halber Partei ergriffen. Frau gut, Mann schlecht. Mann schlau, Frau hysterisch. Nicht hier. Es folgt der Schnitt, verurteilen können wir anschließend niemanden. Leben und leben lassen, Schwächen als menschlich betrachten, Stärken goutieren, Respekt erhalten. Sind es doch meist nicht die Verfehlungen Einzelner, sondern die Umstände, in denen sie stattfinden, die einen wirklich wachsamen Blick erfordern. Gerwig erkennt dies, umarmt ihre Figuren, verurteilt die Umwelt, in der sie leben immer dort, wo es notwendig scheint.

Little Women ist in seinen besten Momenten, in seinen klügsten Ideen meisterlich, doch ein Meisterwerk sehen wir nicht. 134 Minuten Laufzeit, von denen längst nicht jede Rechtfertigung erfährt. Besonders zum Schluss scheint der Abschied von den eigenen Figuren schwer zu fallen. Es sei verziehen. Emma Watson und Saoirse Ronan, die leider alles andere als großartige Schauspielerinnen sind und in einem ansonsten hervorragenden Cast – Florence Pugh sei hier noch einmal hervorgehoben – abfallen. Das Einzelgängertum, die Stärke und das schriftstellerische Talent letzterer wird ständig angesprochen, es wirkt fast, als wäre sich der Film darüber bewusst, dass ihr recht hölzernes Spiel diese Aspekte nicht allein zu transportieren vermag. Doch auch dies sei verziehen.

Die Angst vor der eigenen Haltung

Wirklich ärgerlich hingegen ist, dass Gerwig zu Ende hin das Vertrauen in den eigenen Stoff auszugehen scheint. Der narrative Trick, die komplette Geschichte rückwirkend als Roman zu stilisieren, könnte weniger wünschenswert kaum sein. Little Women hätte Großes leisten können. Die Schönheit, das Überbordende, die Opulenz, ja der Kitsch selbst sind nicht zu verurteilen. Sind nicht notwendiger Weise augen- und gedankenverklebende Substanz. Nein, für sich genommen könnten sie gar subversiv sein, mindestens aber ästhetisch reizvoll und nicht zuletzt auch unterhaltsam. Ältere (und neuere) Disney-Filme sind nicht bedenklich, weil sie Kitsch und Happy Endings transportieren, sondern weil sie jene stets mit einer im besten Fall als konservativ zu bezeichnenden Ideologie vermengen.

Nun hätte Little Women das Schwert sein können, dass die barocke Schönheit des Kitschs von den Fesseln des Konservatismus trennt. Ein Film, der den schönen Seiten der völligen Überzeichnung frönt, ohne dafür seine politische, subversive Klugheit zu opfern. Doch Gerwig weicht aus, kreiert Interpretationsräume, in die es zu flüchten gilt. Das Ende im besten Fall eine so platte wie überflüssige Kritik an ideologisch-kommerziellen Zielgruppenzuschnitten in der Kulturindustrie, im schlechteren Fall eine Flucht in das postmoderne Mantra des „everything goes“, des Sich-nicht-festlegen-wollens. Ein klares „Jein“ zur eigenen Haltung, um Kritik an selbiger aus dem Weg gehen zu können. Am Ende bleibt die vertane Chance zu einer echten cineastischen Großtat.