Lynch im 21. Jahrhundert oder postmoderner Kitsch? „Under the Silver Lake“ im Spagat

Möchte man Under the Silver Lake einer anderen Person näherbringen, ist dies zunächst mit einigen Schwierigkeiten verbunden. Was passiert hier eigentlich? Worum geht es? Und was sagt uns dieser Film? David Roberts Mitchells dritter Film kommt in einem merkwürdigen, überambitionierten Gewand daher, dass einem einfache Antworten auf derlei Fragen verwehrt. Man könnte es wohl so fassen: Hätten David Foster Wallace und Raymond Chandler zusammen einen Roman geschrieben und dieser wäre von David Lynch adaptiert werden, dieser Film könnte das Ergebnis sein – jedoch ohne die Klasse zu erreichen, die wir mit den drei Genannten assoziieren.

Under the Silver Lake ist zu lang, leidet hier und dort unter Pacing-Schwierigkeiten, verliert sich desöfteren in einem etwas plakativ wirkenden Gemisch aus taschenspielertrick-artigen popkulturellen Referenzen und kann die Versprechen, die in er im Aufbau des Films ablegt, in der im letzten Akt leider nicht komplett einlösen. Und doch sehen wir einen faszinierenden Film. Wir schauen Andrew Garfield dabei zu, wie er durch die Straßen, Bars, Clubs eines Los Angeles wandert, das am ehesten noch an jenes erinnert, durch welches Doc Sportello in Inherent Vice krauchen musste: Verraucht, nie wirklich zu greifen, flüchtig in jedem Moment, gefüllt mit skurillen Charakteren.

Garfields Figur wirkt nicht selten wie ein streunender Hund, die allgegewärtige Präsenz eines Hundemörders erscheint in diesem Sinne auf eine abstrakte Weise ungewöhnlich bedrohlich, wirkt fast wie eine Metapher. Cineastisch wird der hier entspringende Verfolgungswahn, Reminiszenz an It Follows, durch eine ungewöhnliche, aber durchweg brilliante Kameraarbeit umgesetzt: Durch die Linse wird der Zuschauer selbst zum Verfolger. Ohnehin: Cinematografisch, ästhetisch sehen wir ein wunderbares Kunstwerk.

Das Narrativ ist einem an Lynch erinnernden Gestus schwer zu greifen. Was sehen wir? Einen Film, der sich als Hommage an das klassischere Hollywood-Zeiten versteht? Eine Persiflage auf die oberflächliche Art Kunst zu rezipieren, wenn Filme von altklug wirkenden Millenial-Youtubekanälen nur noch nach Symbolen und Referenzen abgetastet werden? Ein Werk über die Art und Weise, in der ein männlich geprägtes Hollywood das weibliche Geschlecht anstarrt, objektiviert? Eine Meditation über die Art und Weise, in der die fortgeschrittene kapitalistische Ideologie unserer Zeit es schafft, alles subversive in der Kunst gewinnbringend in den allumspannenden Wirtschaftskreislauf zu intregrieren? Under the Silver Lake ist ein Film, der in einem Touch von Größenwahnsinnigkeit eine Vielzahl von Themen anschneidet, sich aber nicht anschickt, sie zu vertiefen. Das wirkt oftmals etwas oberflächlich, wird aber in den einzelnen Versatzstücken durch eine wunderbar fantasievolle Inszenierung kaschiert.

Als Kunstwerk an sich ist Under the Silver Lake keineswegs perfekt. Und doch erscheint die Antiheldenreise Andrew Garfields derart hypnotisch, kreativ, ästhetisch, dass wir mit dem Einsetzen des Abspanns einen wunderbaren Film gesehen haben. Nicht zuletzt sollte es uns in einer Zeit, in der die meisten Filme des marvelisierten Mainstream-Kinos komplett ohne künstlerischen Anspruch auskommen, mit einer gewissen Wonne erfüllen, wenn wir ein Werk sehen, das zwar überambitioniert daherkommt, wenigstens aber noch den Versuch unternimmt, sich voll und ganz der Kunst zu verschreiben.