Fitzcarraldo (1982, R: W. Herzog) KRITIK

Fitzcarraldo ist dank einem nicht wirklich wirklich gelungenem ersten Drittel, das durch ein nicht immer geglücktes Pacing leider merklich zu lang geraten ist, keineswegs perfekt. Und doch sehen wir einen ganz wunderbaren Film über den Konflikt zwischen den Fantasmen eines Träumers und dessen ewigem Antagonisten, der schwermütigen Realität.

Darüber hinaus gelingt es Werner Herzog, einen der zentralen Gegensätze unserer Gegenwart gekonnt und klug zu inszenieren: Wir und die Anderen. Die Indianer, die Anderen, werden hier auf eine Weise gezeigt, wie man sie selten im Kino erlebt. Sie dienen nicht als Projektionsflächen für die moralische Aufarbeitung westlicher Kolonialismuserfahrungen und somit letztendlich nur als Objekte. Indianer sind hier keine Unschuldsfantasien, die moralisch unendlich gut sind und all das besser machen, was der weiße Mann nicht kann. Sie sind viel eher wie du und ich: Ambivalent, nicht schwarz oder weiß, Ziele verfolgend, mit der Fähigkeit, sich moralisch schlecht zu geben.

Der Umgang mit dem Fremden, dem Unverständlichen in Fitzcarraldo sagt eines aus: Wir verstehen euch nicht, ihr versteht uns nicht – lasst uns freundlich zueinander sein. In Zeiten, in denen das seltendoofe Sprichtwort des Feindes, der nur ein Feind ist, weil man seine Geschichte nicht hören möchte, seinen zweiten Frühling erlebt, plädiert Fitzcarraldo auf klügere Weise: Versteht euch nicht. Vermutlich könntet ihr es nichtmal. Koexistiert dennoch.

Fitzcarraldo ist kein Meisterwerk, aber dank eines klugen Narrativs, einer wundervollen Ästhetik und einem Klaus Kinski, der irgendwo im Grenzgebiet zwischen brilliantem Schauspiel und realem Wahnsinn dahinschwebt, ein famoser Film. Wir werden in eine Zeit entführt, in denen es Träume zwar schwer haben, aber ihre Verbindung zum Realen nicht gänzlich gekappt wurde. Heute, in Zeiten, in denen die globale kapitalistische Ordnung zunehmend als Naturzustand gedacht wird, ist die Frage eine andere: Können wir überhaupt noch subversiv träumen?

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Predator (1987, R: J. McTiernan) KRITIK

Als kultig wird gerne etwas bezeichnet, das im Grunde schlecht gealtert ist. Der Kultfilm kann oft nur durch die Brille der Nostalgie seine Wirkung entfalten, da er visuell sowie im Narrativ nicht mehr mit der Gegenwart kommunizieren kann. Folgt man dieser Idee, ist Predator eines mitnichten: Ein Kultfilm.

Vielmehr sehen wir einen zeitlosen Action-Klassiker. Wunderbar choreografierte Actionsequenzen, eine Kameraführung, die brilliant ist in ihrer Zweckdienlichkeit, einer der ikonischen Antagonisten der Filmhistorie. Auf wundersame Weise schafft es John McTiernan all das ganz ohne die Cutting-Orgien moderner Genre-Filme zu präsentieren. Wir sehen Arnold Schwarzenegger in seiner vielleicht besten Rolle und sollten dennoch auch seine Mitstreiter ehren. Besonders der fantastische Carl Weathers sticht als Veteran und CIA-Mann mit Gewissensbissen hervor. Wer nun aber in Predator lediglich einen vielleicht unterhaltsamen, aber tendenziell geistlosen Action-Streifen erkennt, der folgt einer falschen Fährte.

Natürlich sehen wir hier einen Film, der den Vietnam-Krieg verarbeitet. Der direkte Bezug ist nicht nur durch die Erfahrungen der Protagonisten, sondern ebenso durch die Kulisse des undurchdringlichen Dschungels stets gegeben. Die Entscheidung den Film nicht direkt im Krieg spielen zu lassen, sondern ihn nur zu referenzieren, ist durchaus ein kluge. Die Konfliktsituation wird universalisierbar und dem Zugriff einer bestimmten Zeit sowie eines bestimmten Ortes entzogen.

Doch was sehen wir eigentlich? Wir sehen einen Konflikt, der nicht mehr der klassischen Konstellation eines Krieges entspricht. Der Predator ist kein Staatsvertreter, niemand mit verhandelt werden kann, jemand, mit dem Frieden unmöglich scheint. Guerilla-Kriegsführung lässt keine Angesicht-zu-Angesicht-Konfronation mehr zu. Das Wesen des Krieges war verändert, John McTiernan hat dies erkannt.

Betrachten wir die Auseinandersetzungen unserer Zeit, wird deutlich, dass derlei asymmetrische Konstallationen die Fiktion schon lange nicht mehr benötigen. Auch im Krieg gegen den Terror ist der Feind kein Mensch, dem auf Augenhöhe begegnet werden könnte, mit dem ein Friedensschluss möglich scheint. Es findet eine Entmenschlichung statt, die letztlich jedes Mittel, sogar Folter, legitim erscheinen lässt.

Schauen wir Predator, sehen wir einen fantastischem Action-Film. Doch ebenso sehen wir einen brillianten Kommentar auf die Verschiebung der Konfliktlinien zur Asymmetrie. Ein Film, der uns auch heute noch einiges über unsere Gegenwart zu berichten weiß.

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There Will Be Blood (2007, R: P.T. Anderson) KRITIK

Das Visuelle, das die Sinne hier umgarnt, ist wahrlich umwerfend. Wir sehen. Wir sehen fantastische One-Takes, einen beängstigenden Daniel Day-Lewis, der vom meisterhaften Paul Dano sogar noch übertroffen wird, und eine Cinematografie, die epochal daherkommt. Zwar ist die bloße Idee, dass wenige Cuts die Bedeutung eines jeden einzelnen von ihnen steigern für gewöhnlich akzeptiert, There Will Be Blood zeigt jedoch noch einmal mehr als eindrücklich, warum dem so ist. Wir hören. Wir hören die erdrückenden Kompositionen Jonny Greenwoods, die uns in sprachlosen 15 einleitenden Minuten gefangen nehmen und erst mit dem Abspann wieder auspucken. 

Dank famoser Protagonisten erleben wir in all dieser Bildgewalt einen intensiven psychologischen Kampf, der aber dennoch nur Projektionsfläche für den größeren Zusammenhang ist: Dem Kind wird hier bereits zu Beginn der kalte Rücken zugekehrt, zugunsten des Lockrufs des Geldes. Für den Vater endet dies letztendlich tödlich. Und auch Plainview selbst, dessen Nachname stets Programm bleibt, endet als verbitterter Alkoholiker. Allein. Nicht einmal der eigene Sohn kann außerhalb des kapitalistischen Zusammenhangs stehen, im Zweifel ist er nichts als Konkurrenz.

All diese Motive sind seit dem Western jedoch mehr als bekannt. Und intelligenter erzählt wurden sie uns auch schon. There Will Be Blood wird dann interessant, wenn man sich auf die Parallelen zum Hier und Jetzt fokussiert. Eine Welt, in der die Fixpunkte der Menschen, ihre Werte, ihre Religion erodieren, können wir auch heute vor den Fenstern der Peripherie und der Stadt gleichermaßen beobachten. In einer solchen Welt sind Daniel Plainviews‘ Erben aktiver denn je. Ihnen fehlt vielleicht das Charisma, weniger skrupellos sind sie aber nicht.

Mit There Will Be Blood präsentiert P.T. Anderson einen Film, in dem jede Einstellung, jede Szene danach schreit, Monument zu werden. Einen Film, der jedoch auch Längen besitzt und dessen Geist dem visuellen Genie stets ein wenig hinterher hinkt. Ein Meisterwerk, das sehen wir am Ende nicht.

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„Coffy“ oder: Emanzipation im Blaxploitation-Kino. Shotguns gegen das System.

Viel von dem, was Tarantino letztlich perfektionierte, kündigte das Blaxploitation-Kino von Jack Hill bereits an. Coole Charaktere, noch coolere Dialoge, ästhetisierte Gewalt und eine progressive Gesellschaftskritik. Ein unglaublich gut funktionierender Cocktail, serviert von der großartigen Pam Grier mit Schrottfilnte in der Hand und Rasierklingen im Haar.

Die Titelgebende Heldin ist ein wunderbar geschriebener weiblicher Charakter, dem keine zehn Wonder Woman auch nur annährend das Wasser reichen könnten. Als der perfekte Spagat zwischen vor Stärke triefender Coolness und verunsicherter Verletzlichkeit, der sie ist, sagt sie dem System, dass ihre kleine Schwester in die Suchtklinik brachte, den bleitriefenden Kampf an. Nach und nach werden die Respräsentaten einer Ordnung, in der Unternehmer, Polizisten und Politiker gleichermaßen von nichts anderem als Grenzen überwindenden, kapitalistischen Motiven vorangetrieben werden, zur Verantwortung gezogen.

Und richtet Coffy die Schrotflinte zum Abschluss ihrer Rachefeldzuges schließlich auf ihren Freund Harry Brunswick, so könnte die politische Botschaft deutlicher kaum sein: Der korrupte Politiker, ein Mann, der die Systemfrage nicht mehr stellen kann, dessen emanzipatorischer Elan nichts als Fassade ist, der am Ende doch nur dem Kapital hörig ist, muss sterben. Sein Schwarzsein spielt hier keine Rolle, denn die Moral in „Coffy“ ist eine universalistische und keine Frage der Identität. Nicht weiß gegen schwarz, sondern der Kampf gegen die systemische Wurzel des Übels.

In Zeiten, in denen Filme wie Black Panther als emanzipatorsiche Projekte gelten und Kunstwerke mehr und mehr anhand der Ethnizität ihrer Macher beurteilt werden und nicht für das, was sie aussagen, empfehle ich stattdessen den Blick in die Vergangenheit. Übergeht die nächste Marvel-Einheitsware, seht lieber Coffy an.

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Welcher Traum ist gemeint? Kurze Gedanken zu „Requiem for a Dream“

Requiem for a Dream ist einer der fürchterlichsten Filme aller Zeiten. Läuft der Abspann über die Leinwand, so wünscht man sich sich nichts mehr, als die claustophobische Enge der vier Kinowände verlassen zu können und Augen und Geist dem eben Gesehenen nie wieder aussetzen zu müssen. Zugleich ist Requiem for a Dream ohne jeden Zweifel ein Meisterwerk der Filmkunst.

Die unfassbare Intensivität und Akteurszentriertheit der Kameraführung, das furchtbar rasende Pacing, mit die beeindruckensten Montagen der Filmhistorie. Aronofsky schafft es hier die Alleinstellungsmerkmale der Kunstform des Films nicht nur zu kennen, sondern sie gleichzeitig in neue Grenzen zu verpflanzen. Ein Film wie eine Sinfonie, „Lux Aeterna“ wabert immer irgendwo zwischen Vorder- und Hintergrund, am Ende ein Crescendo, dass nicht nur die Träume unserer Protagonisten, sondern den American Dream an sich begräbt.

Wir sehen mehr als ein Film über Sucht und ihre inhärenten Konsequenzen. Aranofsky zeigt uns eine Gesellschaft in einer entwurzelnden kapitalistischen Realität. Wir irren durch die Schattenseiten des „Big Apples“, hier scheint nichts ferner zu sein, als der schlipstragende Glamour der Wall Street. Ihr auszerrender kapitalistischer Ehrgeiz endet für Tyrone und Harry schlimmstmöglich, ein Fernseher diktiert Sara die Grenzen ihrer kosumistischen Träume, Marion sorgt für das einzige Fenster in die oberen paar Prozent, das grauenhafter nicht visualisiert sein könnte. In dieser Welt ist kein Platz für Träume jedwiger Art. Sie zu Grabe zu tragen erscheint nur konsequent.

Nie wieder möchte ich Requiem for a Dream sehen. Gestern war mein 6. Mal.

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