Die politische Dimension der psychischen Krankheit: Mit Mark Fisher „Joker“ sehen

Zunächst sei gesagt: Die Art von Kritik, die dem Film aus einer pädagogischen Perspektive vorwirft, gesellschaftlich verantwortungslos zu sein, läuft selbstverständlich – wie immer – ins Leere. Ein Echauffieren aus dieser Richtung zeugt primär davon, dass der Kritiker selbst ein äußerst naives, doofes Verständnis von Kunst hat und die Funktionsweise von Subversivität und Ideologiekritik vermutlich nie durschauen konnte. Liegen die Claqueure in all ihrer Überschwänglichkeit also richtig? Nicht wirklich. Wir sehen einen guten Film, der jedoch weit davon entfernt ist, ein echtes Meisterstück zu sein. Ausschlaggeben dafür, ob eine Verfilmung des Stoffs gelingt oder nicht, ist die Frage, inwiefern die Figur des Jokers tatsächlich verstanden wird. Zu vermeiden galt es, jenen als einen individuellen Fehler, eine […]

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Mit „Midsommar“ gegen den moralischen Relativismus: Plädoyer für einen Universalismus

Die Art und Weise, in der Ari Aster in der um Superlative nie verlegenen Kritikerwelt aktuell zum neuen Hohepriester des Horrorgenres geweiht wird, ist sicherlich ein wenig übertrieben und doch: Begeisterungsstürme sind angemessen. Wurde in Hereditary noch die Familie auf den Prüfstand gestellt, rückt nun – wie vielfach bereits interpretiert wurde – die Idee der Beziehung und ihre psychologischen Implikationen in den Vordergrund. Wir sehen ein Film über Dani – herausragend verkörpert von Florence Pugh – die traumatisiert ist, die, egal wie schlecht sich alle anderen verhalten, die Schuld immer bei sich selbst sucht. Sie ist in einer Beziehung mit einer Person, die nicht böse, aber unsensibel und ausnutzend ist. Eine psychologisch oft schwer zu […]

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Alles ist eins, es gibt kein Außen: Ganzheitliche Esoterik in „Gravity“

Enttäuschend. Müsste man dieses Werk, das im Oevre des Regisseurs auf seinen besten Film und allgemein eines der großen Meisterwerke der 2000er folgt, auf ein Wort reduzieren, wäre es wohl dieses. Was war Children of Men doch für ein atemberaubend inszeniertes, mit perfektem Pacing gesegnetes, gesellschaftspolitisches Science-Fiction-Monument. Und was ist nun diese ethnokitschige Space-Soap-Opera im Kontrast dazu. Wo zuvor auf fantastische, kluge Weise Ideologiekritik geübt wurde, verkommt die Katastrophe in Gravity nun zum spirituell angehauchten Traumabewältigungsvehikel . Finden kann Sandra Bullock hier nur noch sich selbst, für den Zuschauer jedoch bleibt nichts von Substanz übrig. Doch zunächst: Ja, es stimmt. Dieser Film sieht wirklich unfassbar großartig aus. Die Weite des Raums, die allein dadurch gestört wird, […]

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Tod der Serie, es lebe das Kino: Mit „No Turning Back“ über das Wesen des Films nachdenken

Was ist der Film? Was zeichnet ihn aus? Und warum existiert ein Portal wie dieses in einer zunehmend serialisierten Welt? Man nehme das Kinoprogramm unserer Zeit, werfe es in eine Zentrifuge und bestätige den Start-Knopf. Wir entfernen alles bis zur Essenz. Keine zum Zweck an sich verkommenen Spezialeffekte. Keine ewig selbstreferenziellen Stilmittel. Keine gekünstelten Longtakes, die doch nur über fehlende Substanz hinwegtäuschen sollen. Keine Schauspielkunst, die sich darüber definiert, seinen eigenen Körper möglichst tiefgehend zu malträtieren indem man 38 Kilogramm abnimmt oder als Vegetarier rohe Bisonlebern verspeist. Nichts dergleichen. Übrig bleibt ein Film wie No Turning Back. 80 Minuten konzentrierte Filmkunst. Ein Protagonist, der von Punkt A in bewegten Bildern zu Punkt B reist, während sich […]

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„Es Kapitel 2“ oder: Der Kino-Besuch als Farce in vier Etappen

1. Narrativ: Wir sehen keinen Film. Nein, vielmehr wird uns eine Aneinanderreihung von selten mehr, oft weniger gelungenen Setpieces präsentiert, die durch hanebüchene Überleitungen den Eindruck erwecken sollen, man würde tatsächlich einem interessanten Plot folgen. Währenddessen greift Muschietti auf Kniffe des Geschichtenerzählens zurück, die jedem Filmstudenten bereits an Tag eins in der Filmakademie ausgetrieben werden. So sehen wir tatsächlich zwei sich wie cineastisches Kaugummi ziehende Passagen, in denen wir dem kompletten Ensemble dabei zuschauen dürfen, wie jedem Mitglied für sich das Gleiche passiert. Kurzum: Wir sehen über eine Laufzeit von 60 Minuten verteilt sieben Mal hintereinander die identische Szene. Und das zweimal. Nachdem wir diesen, stets wie eine Exposition wirkenden Part hinter uns lassen können, […]

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