Joker (2019, R: T. Phillips) KRITIK

Zunächst sei gesagt: Die Art von Kritik, die dem Film aus einer pädagogischen Perspektive vorwirft, gesellschaftlich verantwortungslos zu sein, läuft selbstverständlich – wie immer – ins Leere. Ein Echauffieren aus dieser Richtung zeugt primär davon, dass der Kritiker selbst ein äußerst naives, doofes Verständnis von Kunst hat und die Funktionsweise von Subversivität und Ideologiekritik vermutlich nie durschauen konnte. Liegen die Claqueure in all ihrer Überschwänglichkeit also richtig? Nicht wirklich. Wir sehen einen guten Film, der jedoch weit davon entfernt ist, ein echtes Meisterstück zu sein.

Ausschlaggeben dafür, ob eine Verfilmung des Stoffs gelingt oder nicht, ist die Frage, inwiefern die Figur des Jokers tatsächlich verstanden wird. Zu vermeiden galt es, jenen als einen individuellen Fehler, eine vereinsamte, kranke Person, eine Ausnahme von der Regel zu zeigen. Er war schon immer das Produkt einer menschenverachtenden Gesellschaft. Der Kulturkritiker Mark Fisher schrieb in seinem fantastischen Buch Capitalist Realism hierzu:

In seinem Buch The Selfish Capitalist hat Oliver James festgestellt, dass der Anstieg psychischer Krankheiten mit dem Siegeszug der neoliberalen Ausgestaltung des Kapitalismus in den westlichen Nationen korreliert. Daran anschließend denke ich, dass es notwendig ist, die wachsende Problematik von Stress und Verzweiflung in kapitalistischen Gesellschaften neu zu begreifen. Anstatt diese so zu behandeln, als sei das einzelne Individuum dafür verantwortlich, sich selbst um seine psychologische Notlage zu kümmern, anstatt also die weitreichende Privatisierung von Stress, die in den letzten 30 Jahren stattgefunden hat, zu akzeptieren, müssen wir eine andere Frage stellen: Wie konnte es zur Normalität werden, dass so viele Menschen, und insbesondere so viele junge Menschen, als psychisch krank angesehen werden? Die Pest der psychischen Krankheiten in kapitalistischen Gesellschaften weist darauf hin, dass der Kapitalismus eben nicht die einzige funktionierende Gesellschaftsordnung ist, sondern, dass er inhärent dysfunktional ist und die Kosten für die Illusion seiner Funktionsfähigkeit sehr hoch sind.

Er fährt fort:

Viele Teenager, mit denen ich zu tun hatte, litten unter psychischen Problemen; Depressionen waren endemisch. […] Es wirkt kaum übertrieben, wenn man sagt, dass das Teenagerdasein im spätkapitalistischen Großbritannien kurz davor steht, selbst als Krankheit klassifiziert zu werden. Durch diese Form der Pathologisierung wird jede Möglichkeit der Politisierung dieses Zustand bereits im Ansatz verhindert. Man behandelt psychische Krankheiten, als würden sie lediglich durch ein chemisches Ungleichgewicht im neuronalen System des Individuums und/oder durch ihren familiären Hintergrund verursacht. So werden psychische Probleme privatisiert und jegliche Frage nach einer gesellschaftlichen, systemischen Ursache ausgeschlossen.

Schafft es das Werk nun eben jenes Spannfeld zwischen Individuum und Gesellschaft zu öffnen? Jein. Ja, wir sehen die Kürzung von Sozialleistungen in Verbindung gesetzt mit den direkten Auswirkungen auf das Individuum. Und ja, es wird angedeutet, was die stetige Verachtung einer am Abgrund stehenden, von Armut gebeutelten Unterschicht mit eben jener macht. Und doch driftet der Film immer wieder in eine Richtung ab, in der die psychische Verfassung von Arthur Fleck als individuelles Problem geframed wird. Hier noch die Geschichte um den Vater, da noch ein Mutterkomplex, dort die Zurückweisung in der Liebe. Eine klare Linie finden wir nicht. Vieles wird angeschnitten, wenig wird zu Ende gedacht.

Gleichzeitig wird immer auch der Umgang der Gesellschaft als solches mit einem systembedingten Unrecht gezeigt. Wir sehen verschiedene Weisen, in denen Menschenmassen, denen die Sprache fehlt, um ihre eigene Misslage und ihre Ursachen zu artikulieren, agieren. Schlägt der Versuch, in einem System, in dem es keine Chance zum fairen Aufstieg gibt, seinen eigenen Weg zu finden, wieder und wieder fehl, identifizieren die Bewohner Gotham Citys schnell in den Reichen, den Wall Street Bankern den Feind. Kluge Filme wie The Wolf of Wall Street haben jedoch längst gezeigt, dass eine solche Arm-gegen-Reich-Dichotomie vereinfacht und ursachenverkennend ist. In Joker sind jene Banker, die letztlich in der durchaus gelungenen Invertierung der bekannten U-Bahn-Szene aus Ein Mann sieht rot ihr Leben lassen müssen, vor allem schlechte Menschen. Menschen, die Frauen belästigen und willkürlich andere Menschen zusammenschlagen. Eben diese Darstellung verstellt den Blick auf die tieferliegenden Strukturen und lässt eine weniger plakative Kapitalismuskritik nicht zu. Im Gegensatz zum brillanten Falling Down, wird hier verpasst, die Blindheit des gezeigten Widerstands in ein kritisches Licht zu setzen.

Und doch leistet Joker Bemerkenswertes. Trotz all der Plakativität, wird der wichtige Schritt vollbracht, Gotham City und seinen Bewohnern ein Gesicht und ein Motiv zu geben. Wo normalerweise immer von der verlorenen Metropole, einem Ort, wo es von Abschaum und Kriminellen nur so wimmelt, die Rede war, wird nun der Versuch unternommen, die Ursachen für den Abgrund, an dem sich die Stadt befindet, zu artikulieren. Wenngleich eben jener Versuch nicht immer den Kern trifft, wird man nachdem man diesen Film gesehen hat, auch die Tristesse, die über dem Gotham City der Nolan-Trilogie liegt, aus einer anderen, düstereren Perspektive wahrnehmen.

Getragen wird die Saga um den Verfall einer Stadt und eines gebrochenen Mannes von einem unfassbaren Joaquin Phoenix. Seine Dürre, sein tänzelndes Spiel, sein clownartiges Rennen und sein physisches Lachen verleihen der Figur des Jokers eine Körperlichkeit, die man so nur selten im Kino bestaunen darf. Es wäre ihm zu wünschen gewesen, dass er für diese Rolle einen fähigeren Drehbuchschreiber und Regisseur als Todd Phillips an die Seite gestellt bekommen hätte. Nun dürfte es keine Überraschung sein, dass Subtilität sowie Fingerspitzengefühl nicht zu den Primärtugenden einer Person gehören, die Hangover 1-3 zu verantworten hat, Joker demonstriert eben dies jedoch noch einmal eindrucksvoll.

Hier wird tatsächlich jeder Plotpoint auserzählt, jedes A führt später zu einem offenkundigen B. Der Imagination des Zuschauers wird nichts überlassen. Dazwischen sickern immer wieder mal faule, mal uninspirierte Drehbuchentscheidungen. Hier noch eine erklärende Visitenkarte, damit auch der letzte unaufmerksame Popcorn-Konsument bemerkt, was vor sich geht, wie das alles zu verstehen ist. Dort noch die Romanze, die am Ende – quelle surprise – doch nicht so stattfindet, wie gezeigt. Sogar die Ermordung der Waynes, die mittlerweile mehr als auserzählt scheint, muss hier noch einmal verarbeitet werden. Jede noch so kleine Handlung von Arthur Fleck wird bis ins Detail erklärt, was zu einigen Redundanzen und Pacing-Ungenauigkeiten zwischendurch führt und die Figur des Jokers in einem Maße erklärt, die sich ein fähiger Regisseur hätte erspart. Das Werk würde hinzu gewinnen, wenn die, vom wunderbaren The Network inspirierte, Talk-Show-Szene wesentlich früher folgen würde.

Was ist Joker nun also? Ein Film, der von einer atemberaubenden Lead-Performance getragen wird und ästhetisch überzeugt. Ein Film, der auf einer politischen Ebene wichtige Themen anspricht, dann jedoch mit allzu einfach Erklärungen und Theorien aufwartet. Ein Film, der insbesondere auch der Nolan-Trilogie eine neue Tiefe verleiht. Ein Film, der leider bisweilen so wirkt, als wäre ein New-Hollywood-Meisterwerk von dem Typ, der Hangover gedreht hat, geremaked werden. Ein Film, bei dem die zu beobachtende gesellschaftliche Polarisierung nicht nachvollziehbar ist. Ein Film, der es trotz aller Schwächen wert ist, gesehen zu werden.