„Es Kapitel 2“ oder: Der Kino-Besuch als Farce in vier Etappen

1. Narrativ: Wir sehen keinen Film. Nein, vielmehr wird uns eine Aneinanderreihung von selten mehr, oft weniger gelungenen Setpieces präsentiert, die durch hanebüchene Überleitungen den Eindruck erwecken sollen, man würde tatsächlich einem interessanten Plot folgen. Währenddessen greift Muschietti auf Kniffe des Geschichtenerzählens zurück, die jedem Filmstudenten bereits an Tag eins in der Filmakademie ausgetrieben werden. So sehen wir tatsächlich zwei sich wie cineastisches Kaugummi ziehende Passagen, in denen wir dem kompletten Ensemble dabei zuschauen dürfen, wie jedem Mitglied für sich das Gleiche passiert. Kurzum: Wir sehen über eine Laufzeit von 60 Minuten verteilt sieben Mal hintereinander die identische Szene. Und das zweimal. Nachdem wir diesen, stets wie eine Exposition wirkenden Part hinter uns lassen können, steht plötzlich auch schon der Schlussakkord an. Der geneigte Zuschauer mag sich fragen, wo der Hauptteil geblieben ist. Er fehlt. Aufgrund seiner gravierenden Mängel in den einfachsten Bereichen der Erzählkunst, driften wir irgendwann ins Paradoxe ab: Einerseits ist der Film viel zu lang und zieht sich ungemein, andererseits müsste er deutlich länger sein, um einen gelungenen Hauptteil zu kreieren.

2. Faulheit: Wir sehen einen faulen Film. Faul im Drehbuch, faul in der Umsetzung. Statt sich die Mühe zu machen, eine spannende, stringente Geschichte zu erzählen, verschiebt Muschietti eben jenen Part in den Off-Screen, um stattdessen eine möglichst große Anzahl von memorablen Szenen zu präsentieren. Eine zentrale Frage der Buchvorlage ist die, wie sich Es eigentlich bezwingen lässt. Praktischerweise wurde eben jener Kernaspekt einfach geklärt bevor der Film beginnt. Ja, da ist eben dieses Ritual mit den Indianern und so weiter. Das habe ich herausgefunden während ihr weg wart. Nein, keine Grundlagenforschung mehr, wir wissen, was zu tun ist und die Action kann starten. Gleichzeitig werden unsere Hauptdarsteller nicht als Erwachende Menschen präsentiert, sondern als auf nur eine Charaktereigenschaft reduzierte Abziehbilder ihrer kindlichen Ichs, die nun in älteren Körpern feststecken. Keine Entwicklung, keine Tiefe. Der Nebeneffekt ist an dieser Stelle, dass alle Mitglieder des Clubs der Verlierer, auch durch den Kniff, dass jeder von ihnen sein Gedächtnis verloren hat, einfach noch einmal die gleiche Katharsis, wie im ersten Teil durchlaufen kann. Letztendlich führt dies dazu, dass wir, inklusive des Finales, im Grunde noch einmal den gleichen Film sehen dürfen wie in Part eins. Allerdings wesentlich schlechter und auf drei Stunden verteilt. Danke dafür.

3. Humor: Wir sehen keinen humorvollen Film, aber einen, der es sein möchte. Eine oftmals schmerzhafte Kombination. Bill Hader als penetranter Comic-Relief, dessen Witzchen sich nach rund zehn Minuten nur noch im Kreis drehen und mehr als gezwungen daherkommen gepaart mit Humor auf dem Level „Du bist mutig. Mutig, da du eine dicke Frau geheiratet hast“. Das ist nicht nur geistlos, sondern zeigt, dass der Film der Ernsthaftigkeit seiner Handlung nicht traut (vielleicht zu Recht). Sobald es ernst wird, der Horror beginnt, kann man sich sicher sein, dass innerhalb von Sekunden der ironische Bruch folgt. Das ist langweilig und wird selbst im Marvel-Franchise weniger aufreizend praktiziert. Einen guten (Meta-)Gag gibt es dennoch: Stephen King kann keine Enden schreiben. Das ist beim ersten Mal witzig, beim zweiten Mal weniger und beim fünften Mal nur noch nervig. Symptomatisch.

4. Ideologie: Ob der Mängel auf viel grundlegenderen Ebenen, scheint ein In-Depth-Blick fast schon zu viel des Guten, dennoch soll es nicht unerwähnt bleiben: Muschietti scheint gekonnt am inhaltlichen Kern seiner Romanvorlage vorbei zu dirigieren. Das zentrale Motiv in Kings’ Schaffen ist die Diskrepanz zwischen der glattpolierten bürgerlichen Fassade und dem Horror, den Abgründen, die dahinter zu finden sind. In diesem Sinne liegt es nahe, Es als metaphorische Repräsentation einer Gesellschaft zu betrachten, die durch ihre politische, psychologische, sexuelle Repressivität ihre Mitglieder traumatisiert. Bei King, linksliberal wie er ist, ist der Kampf gegen Es ein Kampf gegen bestimmte Umtriebe in der Gesellschaft. Doch ES Kapitel 2 wirkt in genau diesen Aspekten blutleer und entpolitisiert. Wo das Verlegen der Handlung in die 80er-Jahre und das damit einhergehende Aufspringen auf den unsäglichen, rückwärtsgewandten Nostalgie-Hype unserer Gegenwart, schon im ersten Teil wenig gelungen war, wird Muschietti hier noch konsequenter. Es verkommt zu einem rein persönlichen Trauma, die gesellschaftliche Subversivität verwelkt vollends. Der Verzicht auf derlei Sprengkraft, zugleich eine Bestätigung des Status Quo. Eine dümmlich-kapitalistische Besiege-deine-inneren-Dämonen-und-du-kannst-alles-schaffen-Moral. Am Ende sitzen Ben und Berverly gemeinsam mit ihrem Hund auf der Segelyacht und Blicken verträumt in den Sonnenaufgang. Eine Szene, als wären die 50er-Jahre nie zu Ende gewesen. Durch seine Retromanie wird ES Kapitel 2 letztlich zu einem Film für Leute, die sich nach ihrer Kindheit sehnen, die nicht erwachsen werden möchten, bei denen früher alles besser war.

Über was könnte noch alles geschrieben werden. Der generische Stockfootage-Horror, die furchtbare Grau-in-Grau-Ästhetik, die billigen Jump-Scare-Taschenspielertricks, die dümmlichen Handlungen der Figuren, die wahrhaft furchtbar gekünselten, pathosgeladenen Dialoge. ES Kapitel 2 wirkt auf allen Ebenen wie ein B-Movie, der sich in einem unangenehmen Maße ernst nimmt. Wir sehen was passiert, wenn ein unterdurchschnittlich begabter Regisseur Erfolg hat und anschließend abseits aller kreativen und finanziellen Leinen operieren darf. Belassen wir es bei dem, trotz aller Schwächen, unterhaltsamen Erstling und meiden ES Kapitel 2 fortan. Ein auf allen Ebenen furchtbarer Film.