Autor: Gerrit Schlaf

A Quite Place (2018, J. Krasinski) KRITIK

A Quite Place – A Bad Film. 3.8 Sternchen im Letterboxd-Mittel? Nein, das scheint mir doch ganz und gar unverständlich. Klar, handwerklich ist das alles solide bis gut. Gute Kameraarbeit, gute Cinematografie, eine wie immer tolle Emily Blunt, bla bla bla. Abgesehen davon, dass man ähnliches über so ziemlich jeden Film eines unüberschaubar großen und stetig wachsenen Mount Everest von mittemäßiger Kinokunst berichten könnte, war „handwerklich gut gemacht“ noch nie ein Kompliment. Und es wird auch nie eines sein. Selbst die feige Kritik, die sich im Normalfall in dem Unwort „interessant“ äußerst, ist da noch Vorzuziehen. Ja, eine leichte Entnervtheit möchte der Verfasser dieser Kritik nicht verleugnen. Doch so sieht es nunmal aus: Mittelmäßigkeit nervt. Mittelmäßige Filme sind schlimmer als schlechte. Und nichts verkörpert Mittelmäßigkeit destillierter als Netflixcore à la A Quite Place – kalkuliert, faul, langweilig, pseudoinnovativ, pseudoprogressiv, konservativ. Geschaffen, um irgendwann in der „Angesagt“-Spalte bei Streamanbieter der Wahl aufzuploppen. Und dabei geht es nicht einmal schlecht los.

Die ersten 10, 15 Minuten A Quite Place machen einiges gut: Welt wird vorgestellt, Charaktere eingeführt. Soweit so in Ordnung. Sobald die freundliche Bilderbuchfamilie jedoch ihre kleine Farm betritt, beginnt der Sinkflug. Zunächst zwei marginale Punkte, die mit einem guten Narrativ, einer innovativen Botschaft, irgendwas noch kompensierbar gewesen wären. Erstens ist es verdammt nochmal faules Writing, wenn die Ausgangslage einfach zu „perfekt“ passt, um die hochdramatische Geschichte, die aus ihr entstehen soll, zu speisen. Musste Emily Blunt wirklich noch schwanger sein? Musste sie wirklich noch schwanger werden, nachdem die Ausgangslage mitsamt dem ganzen Elend doch längst bekannt war? Wirklich? Und zweitens kommt das komplette postapocalyptische Ende-der-Menschheit-Szenario absolut aufgesetzt daher. Wie haben es irgendwelche Alien-Verschnitte geschafft die komplette Menschenheit dahinzuraffen, abgesehen von ein paar gallischen Dörfern? Ich meine, man scheint die Dinger mit einem Schuss in die Fresse umbringen zu könnnen. Wie zur Hölle hätten die einen Staat wie Florida übernehmen sollen, in dem mehr Schusswaffen als menschliche Zähne existieren? Aber geschenkt, derlei Firlefanz hätte ich irgnorieren können.

Wirklich ärgerlich werden sollte man erst ab dem Punkt, an dem man das Narrativ unter die Lupe seiner kognitiven Kapazitäten zerrt. Stellen wird uns als Gedankenspiel einfach einmal vor, unsere Lieblingsfamilie würde nicht in eben jener kaputten Welt leben, sondern in einer anderen: Unserer kaputten Welt. Was würden wir sehen? In gewisser Weise die Persiflage einer realen Famile. Eine Bilderbuch-Familie, die uns ob ihrer klischeehafigkeit in jeder RomCom die Fremdschamesröte ins Gesicht treiben würde. Und die Postapocalypse wirkt auch deshalb aufgesetzt, weil sie hier dazu genutzt wird eine langweilige, konservative, schlecht geschriebene Familie durch Spannung aufzuwerten. Die Welt an sich inklusive des Gimmicks des Schweigens ist im Gunde jedoch vollkommen egal, genau so wie ihre Bewohner. Und zeigt sich der Selbstbezogenheit unserer durch und durch positiv konnotierten Vorzeigefamilie nicht auf die Ideologie unserer Zeit? Bedrohungen projezieren wir stets auf die Anderen. Die, die draußen sind. Wir schotten uns ab, suchen nur noch unserer kleines privaten Glück, kapitulieren vor den großen Zusammenhängen unserer Wirklichkeit. Kurz: Wir suchen das richtige Leben im falschen. Das Falsche an sich zu hinterfragen scheint keine Option mehr zu sein.

Bla, bla, bla, schwafel, schwafel. Was ich eigentlich sagen möchte: Der Film nutzt Jumpscares. Jumpscares sind nichts als billige Taschenspielertricks, die eines meiner Lieblingsgenres in den Ruin treiben. Bekackte Jumpscares.

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Forrest Gump (1994, R: R. Zemeckis) KRITIK

Wie lachen mit ihm. Wir weinen mit ihm. Wir freuen uns mit ihm. Wir trauern mit ihm. Wohl kaum eine Filmfigur teilt ihren Lebens- und leidensweg mit einer dermaßen großen, entausiatischen Masse an Kinobegeisterten, wie der minder intelligente, aber – so vermittelt man uns hier zumindest – durchweg lebenkluge Forrest Gump. Zu Grundschulzeiten sitze ich mit meiner Mutter auf dem Sofa und sehe Ltd. Dan auf dem Mast dem Sturm trotzen. Bubbas Schrimpskochrezitation ist im Alter von 17 Jahren der kleinste gemeinsame Nenner auf den sich führeife Dude-Zitierer („ja…weißt du…das ist vielleicht…deine Meinung, Mann!“) und auf ewig verlorene Transformers-Fetischisten gleichermaßen einigen können. Und wenn man mit Mitte 20 mehr oder weniger verzweifelt in der Quarterlife Crisis versumpft und sich schon gewaltig was auf seine exorbitante Filmkenntnis einbilden kann („ja, ich habe alle Kubrick-Filme gesehen. Ja, auch Paths of Glory!“), stellt man fest, dass auch die Kritikergemeinde den visuellen Eindrücken des charmanten Red Lobster-Gründers und Apple-Aktionärs verfallen scheint. Sozialkapital hin oder her, Forrest Gump ist der Kit, der fragile Gesellschaftsbilder zusammenhält. Spätestens dann, wenn Tom Hanks Tischtennis spielen sehen nicht mehr beim gemeinsamen DVD-Abend funktioniert, drängt sich die Frage auf: Ist das unser Ende? Was verbindet uns jetzt noch?

Moment, stop! Zerrt die politische Dimension Forrest Gumps unter die kritische Lupe der Filmanalyse und schreit: „Pah, dann soll uns doch lieber überhaupt nichts mehr verbinden, als dieser feuchte Traum einer konservativen Wahnvorstellung!“ „Stop! Cut! Aufhören!“ Der Hall der Empörungsrufe wabert an dieser Stelle bereits durch den Raum: „Will hier etwa schon wieder einer von diesen postmodernen Überinterpretierern einen von Papas alten Lieblingsstreifen zwanghaft ins (unerwünschte) Politische umdeuten?“ Die Antwort ist nein. Es bedarf nicht allzuviel filmkritischer Archeologiearbeit, um den Konservatismus Forrest Gumps freizulegen – dafür scheint er einfach zu offenkundig.

Doch betrachten wir zunächst die Aspekte, die nun wirklich nicht taugen, um die konservative Botschaft Forrest Gumps zu dechiffrieren: „Buh, die Bürgerrechtsbewegung und allgemein alles, das irgendwie intellektuell-links wirks, wird hier der Lächerlichkeit preis gegeben! Doofer Film“. Klar, falsch ist das gewiss nicht, aber mal ehrlich: Wird hier irgendein politisches Ereignis, ein Politiker, irgendetwas klar positiv und ernsthaft portraitiert? Wer glaubt, der Gump’sche Konservatismus tritt in doofen Platitüten à la Nixon > Humphrey auf, der irrt. Im Gegenteil, Forrest Gump selbst verneint sogar explizit seine politischen Motivationen. Egal, ob er (kultisch verehrt) quer durch die Staaten joggt oder der marginalisierten schwarzen Frau inmitten des tobenden Mobs hilft, das Polistische wird hier stets zum Privaten – und am Ende geht es immer irgendwo um „seine“ Jenny. Und versucht Forrest mit eben diesem Mechanismus zu brechen, so hilft eben das Narrativ: Vietnamskriegserzählungen verweigert das Mirkofon seinen Dienst, doch pünktlich dann, wenn wieder nach Jenny geschmachtet wird, läuft das Teil tadellos. „Hach, erinnerst du dich noch an damals ? Die hochpolitische Friedensdemo? Viel weiß ich nicht mehr, aber als sich der Soldat und seine Freundin wieder gesehen haben, das war doch so, so schön!“ „Und sonst so? Politik?“ „Ach, egal!“.

Nein, so einfach ist es nicht. Forrest Gump verkauft seine ideologische Botschaft als pure Nicht-Ideologie und liefert dabei ein Plädoyer für die politische Passivität: Versuch es gar nicht erst zu verstehen, tu wie dir gesagt, überlass die wirklich schwierigen Dinge den Experten und du wirst vom Leben belohnt. Jene Boschaft entfaltet sich in der zentralen Paarung des Films: Auf der einen Seite Forrest Gump als Repräsenant des traditionellen „American way of live“, auf der anderen Jenny, die für die Gegenkultur steht. Natürlich ist keine der Figuren inhärent schlecht. Beide straucheln hier und dort durch ihr Leben und versuchen mit all dem zurechzukommen, was die Pralinenschachtel präsentiert. Nein, die vielfach geäußerste Kritik am schlechten Charakter Jennys trifft klar ins Leere. Vielmehr sollte der Fokus darauf liegen, wie die unterschiedlichen Lebenswege und Handlungen der Figuren vom Narrativ behandelt werden. Forrest selbst driftet durch den Film. Ohne Plan, ohne Widerworte, ohne politische Meinung, ohne jemals wirklich unzufrieden mit seiner Situation zu sein – und sei es wenn er durch den Dschungel Vietnams kraucht. Und der Film belohnt ihn dafür. Wieder. Und wieder. Und wieder. Denk nicht zu viel nach, sei bescheiden und du bekommt alles, wovon du immer geträumt hast. Natürlich tut Forrest all das nicht mit Vorsatz. Er ist halt…einfach nicht klug genug. Und wie wunderbar es funktioniert. Auf der anderen Seite steht Jenny. Jenny liest, hat klare politische Meinungen, ist intellektuell. Die Geschichte durchlebt sie nicht nur, sie soll verändert werden. Und Jenny scheitert. Wieder und wieder. Sie fliegt vom College für ihre sexuelle Freizügigkeit, verdient sich als Stripperin (und wird von Forrest gerettet), entwickelt Suizidgedanken, wird für ihr Antikriegsengagement mit einem sie missbrauchenden Arschloch belohnt, bekommt Aids. Yay…danke für nichts. Erst mit ihrem unausweichliches Ende in der kleinbürgerlichen Fantasie zusammen mit Forrest scheint sie erstmals angekommen zu sein.

Sei ein guter Junge, spiel Football, join the army, werde Unternehmer, investiere an der Börse, denk bloß nicht zu viel nach – wir machen das schon – und du kannst fast alles erreichen. Selbst, wenn du dumm bist. Im Gegenteil: Zu viel kritische Partizipation und deine Wahrscheinlichkeit buchstäblich ins Gras zu beißen steigt massiv. Die politische Ideologie, die hier transportiert wird, ist beunruhigend. Nicht, weil sie konservativ ist, sondern weil sie den Menschen entmündigt. Und wäre ich der vom Filmgenuss isolierte Ideologiekritiker, würde ich an dieser einen halben Stern hinflatschen, meinen trockenen Rotburgunder öffnen und mir gewaltig was auf meinen abseitigen Filmgeschmack einbilden. Doch Moment: Ich bin Biertrinker und Forrest Gump mag ich auch abseits von all der Nostalgie verdammt noch mal ziemlich gern. Die wunderbar unprätentiösen Beziehungen zwischen Forrest und seinen Mitmenschen, in denen wohl jeder von uns seine ganz persönlichen Identifikationspunkte findet, ein großartig spielender Tom Hanks, die Cinematografie, das unglaublich gelungende Pacing (kein Selbstläufer, so wie die Geschichte angelegt ist) und der Soundtrack. DER SOUNDTRACK! Sucht man ein Musterbespiel dafür, wie man aus einem Haufen Lieblingssongs einen perfekt mit dem Leinwandgeschehen harmonierenden Soundtrackorgasmus kreiert (und kein Quasi-Musikvideo-Medley seiner Lieblingssongs. Ja, ich rede mit dir Garden State!), das hier ist euer Film.

Was bleibt? Seht Forrest Gump, schaut nicht Forrest Gump. Weint und lacht mit dem Menschen Forrest Gump, empört euch über den Film Forrest Gump. Macht Forrest Gump nicht besser, macht Forrest Gump interessanter.

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