Tag: 24. Januar 2020

„Die Wütenden – Les Misérables“ oder: Žižek im Banlieue. Symptome bekämpfen Symptome, doch wo liegen die Ursachen der Gewalt?

Sieht man Die Wütenden – Les Misérables im Kino, so fallen einem zunächst teils holzschnittartige Figuren auf. Formuliert werden klischeebeladene Beobachtungssätze über die Welt, die Hölle, in die der Zuschauer, wie in einer vom rechten Wege abgekommenen Stadtrundfahrt, durch die Augen des Polizisten Stéphane eintaucht. Man möchte fast sagen: Wirklich authentisch, ja gar menschlich wirkt all das nicht. Doch was, wenn gerade diese cineastische Schwäche System hat? Wenn eben diese Fassadenhaftigkeit, genau die richtige Form für einen Film ist, der vom Verlust der Menschlichkeit unter barbarischen Strukturen handelt? Es ist ein furioser, ein zorniger Film, der zurecht für den Auslandsoscar nominiert wurde, wenngleich er ihn – ebenfalls zurecht – dank Parasite wohl nicht gewinnen wird.

Manifest, nicht Analyse

Regisseur Ladj Ly entstammt aus den gleichen Straßen, die er in seinem Debütwerk portraitiert, sein Blick jedoch – man muss sagen: zum Glück – bleibt der eines Künstlers. Er vertraut seinen Bildern wie seinen Darstellern und der Zuschauer wird entlohnt. Es wird nicht erzählt, es wird gezeigt. Die Kamera führt durch karge Einheitsbetonklötze, gebaut für und bewohnt von längst vergessenen Einheitsmenschen. Das Reiseziel Paris, geografisch um die Ecke und doch kaum zu sehen. Die ersten Bilder zeigen die feiernden Massen des WM-Finales 2018, vereint in einem kurzen, vergänglichen Funken, getrennt an jedem anderen Tag. Es ist diese exzellent inszenierte Szene, in der die Fallhöhe für alles was darauffolgt festgesetzt wird. Und schon hier ist klar: Der Fall wird kommen.

Wenngleich Die Wütenden – Les Misérables vordergründig im Gewand der Milieu-Studie daherkommt – Filme wie Training Day, La Haine oder City of God wabern stets vernehmbar im Hintergrund –, entspricht der Ton dem eines wütenden, politischen Manifests und nicht einer soziologischen Tiefenanalyse. Das Gezeigte wird für die portraitierte Schicht sicherlich noch einmal einen ganz eigenen Wert haben, doch ist das Werk auch für (scheinbar) Nichtbetroffene von großer Relevanz. Denn die Hölle, die uns die Kamera zeigt, ist eine globale, eine universelle.

Es ist eine globalisierte Wirtschaftsdynamik, die ein Viertel wie Montfermeil entstehen lässt. Es ist der Rassismus, der Klassengrenzen zementiert. Es ist der Mangel an Perspektiven und Aufstiegschancen, der in einer durchökonomisierten Gesellschaft Gewalt schürt. Der dafür sorgt, dass die Vergessenen zu Seite und nach Unten austreten, nicht aber nach oben. Es ist der politische Zirkus und dessen Verachtung der Zurückgelassenen – Europas neoliberaler Vorzeigepräsident, Macron, sei erschüttert gewesen, ob der gezeigten Bilder –, die keine Lösungen bieten kann und wird. Es ist die Abwesenheit von politischer Bildung, die dafür sorgt, dass die Betroffenen die Ursachen nicht erkennen können. Die übermäßige Gewalt der Polizisten wird mit Gegengewalt beantwortet. Symptome im Kampf miteinander, doch wo sind die Ursachen?

Impotente Gewalt

Umso näher man dem Ende dieser Anti-Tour-de-France kommt, desto eskalierender die Gewalt. Die letzten 15 Minuten eine einzige mit beeindruckender Präzision in Szene gesetzte Lokal-Apokalypse, deren Bilder der Zuschauer so schnell nicht vergessen wird. Gespiegelt werden hier die Riots von 2005. Über jene schrieb der slowenische Philosoph Slavoj Žižek, man würde eigentlich einen Akt der Impotenz beobachten. Einen hilflosen Schrei, doch ohne Inhalt. Wo die Studenten-Proteste von 2010 auf einem politischen Programm beruhten, hätten die Protestanten der Banlieues keine Botschaften zu überbringen. Er fährt fort:

The fact that the rioters have no program is therefore itself a fact to be interpreted: it tells us a great deal about our ideological-political predicament and about the kind of society we inhabit, a society which celebrates choice but in which the only available alternative to enforced democratic consensus is a blind acting out.

Ladj Ly bietet keine einfachen Auswege aus der ideologischen Misere, in deren grauen, verwaschenen Konturen unsere Gegenwart ihr Dasein fristet. Kein Aufatmen beim Abspann, kein wohliges Gefühl beim Verlassen des Kinosaals. Stattdessen die mahnenden Worte Victor Hugos: “Remember this, my friends: there are no such things as bad plants or bad men. There are only bad cultivators.” Wo Filme wie Joker noch implizieren, dass es die Gier und der Egoismus einzelner ist, deren Austausch Besserung bringen könnte, legt Die Wütenden – Les Misérables den Finger mit zorniger Geste in die klaffenden Wunden eines Systems. Zum Glück.

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