Tag: 5. Oktober 2019

Alles ist eins, es gibt kein Außen: Ganzheitliche Esoterik in „Gravity“

Enttäuschend. Müsste man dieses Werk, das im Oevre des Regisseurs auf seinen besten Film und allgemein eines der großen Meisterwerke der 2000er folgt, auf ein Wort reduzieren, wäre es wohl dieses. Was war Children of Men doch für ein atemberaubend inszeniertes, mit perfektem Pacing gesegnetes, gesellschaftspolitisches Science-Fiction-Monument. Und was ist nun diese ethnokitschige Space-Soap-Opera im Kontrast dazu. Wo zuvor auf fantastische, kluge Weise Ideologiekritik geübt wurde, verkommt die Katastrophe in Gravity nun zum spirituell angehauchten Traumabewältigungsvehikel . Finden kann Sandra Bullock hier nur noch sich selbst, für den Zuschauer jedoch bleibt nichts von Substanz übrig.

Doch zunächst: Ja, es stimmt. Dieser Film sieht wirklich unfassbar großartig aus. Die Weite des Raums, die allein dadurch gestört wird, dass unsere Spezies mittlerweile auch die eigenen Umlaufbahnen vermüllt. Die pure Hilflosigkeit des auf sich gestellten Menschen in einer unbarmherzigen Natur. All das fängt Lubetzki in solch atemberaubenden Bildern ein, dass an dieser Stelle nicht einmal auf des Oscar-interessierten Kameramanns liebsten Taschenspielertrick hingewiesen muss, den One-Shot. Jene Plansequenzen hat man anderswo schon wesentlich eindrucksvoller sehen können. Nein, die ästhetische Klasse zeigt sich hier besonders in den ruhigeren, passiven Momenten und nicht dann, wenn der hohe Kunstanspruch zu offenkundig präsentiert wird.

Allein aus Gründen der Filmästhetik ist Gravity somit ein Werk, das man gesehen haben sollte. Dem Zuschauer sei hierbei jedoch wärmstens empfohlen, den Ton währenddessen abzuschalten. Verzeihen könnte man noch, dass die einzigartige Stille, die Leere des Alls fast kontinuierlich von dem stetigen Wabern, Piepsen und Dröhnen eines nicht wirklich gelungenem Steven Price-Scores konterkariert wird. Immer dann jedoch, wenn einer der Protagonisten seinen Mund öffnet und anfängt zu sprechen, wird es für den mitdenkenden Zuschauer fast unerträglich. Es ist kaum zu verstehen, wie jemand, der die Klugheit eines Children of Men kreieren konnte, für den wirren Mix aus schlimmstem Telenovela-Kitsch, unkreativen Anekdoten und spirituellen Selbstfindungsphrasen, der hier aus jedem Dialog (und Monolog) spricht, verantwortlich sein kann.

Schon in der ersten Szene, die Kamera schwebt noch ziellos umher, hören wir George Clooney im Hintergrund scherzen. Er habe bisher immer romantisch gen Texas zu seiner Frau hinabgeblickt, dann jedoch erfahren, dass diese ihn betrogen hat und so sei das nun mal mit der Liebe und den Frauen. Nun ist all das aber bereits Vergangenheit und taugt allenfalls noch als heitere Anekdote. Soweit so belanglos. Und ja, derlei Herumgequatsche setzt den wesentlichen Ton von Clooneys Charakter. Hier ein Witzchen, da eine Motivationsrede und immer eine Prise geflirtete Avancen – selbst dann, wenn das eigene Ableben unmittelbar bevor steht. Und entschwebt er schließlich in den endlosen Äther, es könnte einem kaum egaler sein.

Ohnehin geht es doch eigentlich um Dr. Ryan Stone, etwas hölzern, letztendlich aber doch gelungen verkörpert von Sandra Bullock. Sie, die schwermütige, von der eigenen Vergangenheit traumatisierte Medizinerin, hat ihre Tochter durch einen Unfall verloren. Und sobald eben diese Tatsache zum ersten Mal in den Raum gestellt wird, weiß der erfahrene Cineast und Gesellschaftskenner, was er nun erwarten darf. Nein, natürlich sehen wir weder einen großen, existenzialistischen Film, noch eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Themen wie Tod, Wille oder Widerstand. Cuarón lässt dieses Potenzial ungenutzt und wählt stattdessen den gleichen Pfad, auf dem sich schon sein Landsmann Alejandro Iñárritu in The Revenant verlief: Die Katastrophe verkommt zur Metapher für die Überwindung mäßig interessanter, privater Unwegsamkeiten. Überlebenskampf im All als individualistischer Selbstfindungstrip. Und sonst? Überhaupt nichts mehr.

Es folgen: Spirituell aufgeladene Kameraschwenks, die jede noch so banale Einstellung mit einer Bedeutungsschwere inszenieren, als würde der Herr höchst selbst gerade aus ihnen die Wahrheit verkünden. Eine Sandra Bullock, die an sich zweifelt, die in Embryonalstellung durch das Bild schwebt, die nie gelernt hat zu beten, wo sie doch genau diese Fertigkeit jetzt am Dringendsten braucht, und die letztlich durch die wodkatrinkende Illusion George Clooneys sowie etwas Hundegebell doch noch ihren Glauben wiederfindet. Stürzt sie am Ende als rasender Feuerball der Erde entgegen, weiß sie: Egal, ob ich sterbe oder nicht, es ist okay. Denn sie hat nun zu sich selbst gefunden. Hat eine tiefere Bedeutung gefunden, wo es keine gibt. Oberflächliche New-Age-Religion als Ausweg aus den Leiden der Wirklichkeit.

In der letzten Sequenz schließlich landet Bullock im Wasser und entsteigt jenem, reingewaschen von den Traumata der eigenen Biografie, in einer evolutionsartigen Sequenz bis sie schließlich auf den eigenen zwei Beinen am Strand steht. Spirituelle Weltmusik setzt ein, wird lauter und lauter, übertönt schließlich alles. Eine Szene, als könnte Terrence Malicks bedeutungsschwangeres Meisterwerk der Bedeutungslosigkeit, The Tree of Life, genau hier nahtlos beginnen. Es mag sein, dass dich im Weltall niemand schreien hört, die esoterische, individualistische Ideologie von Gravity tönt dennoch durchdringender denn je.

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