Tag: 27. September 2019

Tod der Serie, es lebe das Kino: Mit „No Turning Back“ über das Wesen des Films nachdenken

Was ist der Film? Was zeichnet ihn aus? Und warum existiert ein Portal wie dieses in einer zunehmend serialisierten Welt? Man nehme das Kinoprogramm unserer Zeit, werfe es in eine Zentrifuge und bestätige den Start-Knopf. Wir entfernen alles bis zur Essenz. Keine zum Zweck an sich verkommenen Spezialeffekte. Keine ewig selbstreferenziellen Stilmittel. Keine gekünstelten Longtakes, die doch nur über fehlende Substanz hinwegtäuschen sollen. Keine Schauspielkunst, die sich darüber definiert, seinen eigenen Körper möglichst tiefgehend zu malträtieren indem man 38 Kilogramm abnimmt oder als Vegetarier rohe Bisonlebern verspeist. Nichts dergleichen.

Übrig bleibt ein Film wie No Turning Back. 80 Minuten konzentrierte Filmkunst. Ein Protagonist, der von Punkt A in bewegten Bildern zu Punkt B reist, während sich für ihn alles ändert. Ein Werk, das im Kern an einen der ersten Filme überhaupt erinnert: Die Ankunft eines Zuges auf dem Bahnhof in La Ciotat von den Lumière-Brüdern.

Schränken sich Filme in ihrer Heransgehensweise dermaßen ein wie No Turning Back, so ist das Resultat oft alles andere als große, minimalistische Kunst. Mittelmäßige Filme wie Buried zeigten dies in jüngerer Vergangenheit. Doch Steven Knights Regiedebüt ist anders. Ein Score, der nicht selten an die schottischen Post-Rock-Apologeten Mogwai erinnert, wabert im Hintergrund. Die mehrfachbelichtete Kamera lässt das Neonleuchten der Nacht, das Innen des Autos und das Außen der Welt, ineinander verwischen. Und dazu stets die anfangs ruhige, später aufgewühlte Stimme Tom Hardys. Allein inszenatorisch sehen wir einen wunderbaren Film. Doch No Turning Back geht weiter und fokussiert auf existenzielle Daseins-Fragen.

In welchem Verhältnis stehen Arbeit und Privates in unserer Gegenwart? Wie fetischisieren wir Erstere, wie leidet Letztere? Wie kann damit umgegangen werden, wenn jemand einen eigentlich unverzeihlichen moralischen Fehltritt begeht? Gibt es ein Zurück? Nicht zuletzt steht auch der Frage nach der Wirkungsmacht unserer biografischen Vergangenheit für unsere psychologische Gegenwart im Mittelpunkt. Glücklicherweise werden allzu plakative Antworten an dieser Stelle vermieden. Denken muss noch immer der Zuschauer. Getragen wird all das von einem herausragenden Tom Hardy. Sonst eher in körperlichen Rollen besetzt, wird er hier nahezu komplett vergeistigt und zeigt, was für ein feinfühliger, großer Schauspieler er doch ist.

Nun sehen wir keinen perfekter Film. In schlechteren Momenten erinnert die Ästhetik auf unangenehme Weise an die neuste BMW-Werbung, der monologisierte Vater-Sohn-Konflikt kommt hier und dort im Gestus eines eher billigen Plot-Devices daher und auch die komplette Beton-Symbolik ist sicherlich eine Schaufel zu penetrant. Einem Film, der auf eine solch verdichtete Weise zeigt, was Kino eigentlich zu leisten vermag, verzeiht man dies jedoch gern.

Man stelle sich den Plot nur mal Netflix-Serienproduktion vor. Zunächst würde wohl die Hintergrundgeschichte ewig lang erklärt und ausgeführt werden. Danach eine Folge zur Ehe der beiden. Dann die Kinder, der sexuelle Fehltritt, die Arbeit, die Kollegen, was passiert danach, was passierte davor und wo hat Ivan Locke eigentlich sein Auto gekauft? In Endlosschleifen würde erklärt werden, was nicht erklärt werden muss, billige Cliffhanger, Langeweile. No Turning Back könnte kaum reduzierter sein und bietet doch alles – wenig ist da, nichts müsste hinzugefügt werden. Das ist Filmkunst.

Read more