Tag: 28. August 2019

Mit „The Revenant“ den Sinn in der Natur finden: Das Elend des New-Age-Kitschfilms

Leonardo DiCaprio wird von einem Bären attackiert. Er fällt einen Wasserfall hinunter. Muss sich Wunden zu brennen, in einem Pferd nächtigen, stürzt Berge hinab, wird fast erwürgt, lebendig begraben, muss gegen Indianer und Franzosen kämpfen. Kurzum: Er leidet. Schaut man bei The Revenant nur nach dem, was passiert, so ist die minunter geäußerte Kritk, man sähe im Grunde nicht vielmehr, als eine pervertiertere Version des Dschungelcamps, nicht komplett von der Hand zu weisen. Der Vorwurf ist natürlich dennoch albern, kommt es im Kino doch in einem essenziellen Maße darauf an, wie etwas inszeniert wird und nicht nur was oberflächlich passiert.

Was Lubezki hier in seiner Cinematografie kreiert, ist äthetisch über jeden Zweifel erhaben. Wir sehen atmberaubende Plansequenzen, gefilmt in beeindruckenden One-Takes. Die Art, in der die Kamera es schafft, zum Einen die Schönheit der Natur zu erfassen, sie gleichzeitig aber nicht zu einem hyperromantisierten Gegenpol einer babarischen Gesellschaft verkommen zu lassen, entzückt. Der Vorwurf, bei vielen Aufnahmen würde man im Grunde nur hochauflösende Stockfootage-Aufnahmen sehen, wirkt gerade zu lachhaft in Anbetracht der Bildgewalt, die präsentiert wird. Es wäre famos, dieses Werk auf echtem Film und nicht nur digital zu Gesicht zu bekommen.

Doch The Revenant hat ebenso seine wirklich ärgerliche Seite: Er verfällt leider allzuoft der Versuchung, dem Gezeigten einen tieferen Sinn zu geben, möchte Bedeutung herstellen, wo keine ist. Kurzum: Wir sehen esoterischen Kitsch. Es wäre wahrlich mehr als ausreichend gewesen, hätte sich Iñárritu darauf beschränkt, eine Geschichte um Rache und die Unerbittlichkeit der Natur zu erzählen. Doch er trifft die falsche, die ärgerliche Entscheidung und schickt Hugh Glass auf einen Selbstfindungstrip. Was dem entwurzelten Kinozuschauer der Gegenwart zusagen mag, entpuppt sich als künstlerische Farce. Eindimesional, metaphysisch verklärte Indianer, Erweckungen durch CGI-Büffelherden, idiotische Rückblenden und eine stetig in indigenen Sprachen dahinsabbelnde Stimme aus dem Off, die uns inhaltsleere, spirituelle Botschaften vermittelt. Als das erinnert in vielen Momentan an den allerschlimmsten Terrence Malick-Kitsch. Wo viele Zuschauer Filmen anschließend gerne eine philosophische Dimension attestieren, finden wir doch nur hanebüchenen Unsinn ohne Grund.

Natürlich ist The Revenant zu gut, zu ästhetisch, mit zu guten Schauspielern gesegnet, zu akribisch, handwerklich zu virtuos, um ein schlechter Film zu sein. Doch sollte der Zuschauer ob der überdeutlich sichtbaren Unsinnigkeiten mit Wehmut erfüllt sein. Wie gut hätte dieses Werk doch sein können.

Read more