Tag: 6. August 2019

No Normal: »Border« von Ali Abbasi

Was ist normal, was ist es nicht? Und was bedeutet dies für all jene, die sich nicht in den vorgegebenen Zügen über das gesellschaftlich gezogene Schachbrett der Konventionen bewegen können und wollen? In seinem poetisch anmutenden Kunstwerk Border beschäftigt sich Ali Abbasi mit genau diesen Fragen und serviert dabei kluge Einsichten in Form eines außergewöhnlichen Genrecocktails, in dem nordische Mythen mit Elementen des Dramas und der Romanze vermengt werden.

Tina, unsere Protagonistin, ist unkonventionell. Sie sieht ungewöhnlich aus, ihr Verhalten fällt auf, sie ist unfruchtbar. Diejenigen, die sie nicht kennen, begegnen ihr mit Ablehnung. Doch die Wellen der Antipathie, die ihr entgegen branden, machen keinen Sinn, sind unbegründet. In ruhigem Gestus seziert Abbasi die Auswirkungen von gesellschaftlich konstruierten Normalvorstellungen. In ihrem ihrem kulturellen, religiösen Ursprung so willkürlich und doch so grausam für all diejenigen, denen das ideologische Korsett nicht passt.

Dennoch sehen wir keine blinde Ode an die Andersartigkeit. Wenngleich in Border willkürlichen Segregationsideen ihre wohlverdiente Absage erteilt wird, ist die Botschaft keineswegs eine des volkommenden Relativismus. Vielmehr wird die in Zeiten der Individualisierung etwas angestaubt anmutende Idee der klassischen Moral rehabilitiert. Das Unkonventionellsein des Kindesmisbrauchs wird verurteilt, die moralisch indifferente Andersartigkeit Tinas hingegen nicht. Es ist egal, wie du bist und was du tust, solange du von einer universalisierbaren Moral aus agierst.

Besonders deutlich wird jene Botschaft im letzten Drittel des Films. Wenn Tina vor der Frage steht, Vore zu folgen oder das moralisch Gebotene zu tun, plädiert Border in eben dieser bemerkenswerten Szene entschieden für einen Universalismus und gegen das Denken in Gruppen, geordnet nach Ethnien, Kulturen oder Religionen. Den identitätspolitischen Strömungen unserer Gegenwart seien jene Minuten besonders ans Herz gelegt.

Ich selbst sah Border nahezu allein im Kino. Lediglich in der Reihe direkt hinter mir saßen zwei junge Frauen, die, anstatt mutig den Versuch zu unternehmen, der gebotenen Ungewöhnlichkeit aufgeschlossen zu begegnen, den gesellschaftlich üblichen Weg nahmen: Peinlich berührt wurde in sich hinein gekichert, rechtzeitig erfolgte die Flucht in eine ironisch-distanzierte Attitüde, sobald der Film mit der eigenen Komfortzone brach.

Wir sehen einen Kunstwerk, das durchaus mit Längen zu kämpfen hat und besonders zum Ende hin nicht den richtigen Absprung findet, aber vielleicht dennoch genau zur rechten Zeit erscheint.

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