Tag: 24. Juli 2019

Das Kino des Exzesses: Kapitalismuskritik mit „The Wolf of Wall Street“

Im durchweg brillianten The Wolf of Wall Street zeigt uns Martin Scorsese die Welt wie sie ist, nicht wie sein sollte. Abgesehen von ein paar Pacing-Problemen, die hier und dort zu wenigen Längen führen, sehen wir ein Meisterwerk des Exzess-Kinos. DiCaprio verdient für seine Darstellung des Jordan Belfort alle Lobpreisungen, die unserer Wortschatz zu kreiren vermag. Oscar-würdig war er oft, müsste man sich jedoch festlegen: Das hier ist die Performance der Wahl.

Doch bei all der audiovisuellen Brillianz, sollte man nicht übersehen, dass The Wolf of Wall Street auch inhaltlich ein außerordentlich kluger Film ist. Eine Parabel auf die schlimmsten Auswüchse des Systems, in dem wir Leben. Im Gegesatz zu Artverwandten der Sorte Wall Street, in denen die Protagonisten gerne moralische Begründungen für ihr Handeln anführen, ist sich Jordan Belfort stets bewusst, dass seine Handlungen schlecht sind. Doch sie machen Spaß – und dienen somit dem Hauptexistenzmerkmal unserer Zeit: Dem Genuß, dem Konsum.

Die Welt, die uns The Wolf of Wall Street zeigt, ist schlimmer, als all jene Visionen, die von dem einen Prozent, das entgegen der Masse steht, sprechen. Am Ende blickt Belfort in eine anonyme Menge von Gesichtern, die allesamt nur darauf warten seine Nachfolge anzutreten. Hier möchte niemand mehr etwas an grundlegenden Ungerechtigkeiten ändern, jeder möchte nur selbst nach ganz oben. Nicht das System ist falsch, nur der Platz, den man zugewiesen bekommen hat.

Im Film ist der Staat, das FBI, der einzige Gegenspieler eines entfesselten Kapitalismus – und doch hoffnungslos unterlegen. Ist Belforts’ Kurzzeitaufenthalt im bourgoisen Tennisclub ein Beweis dafür, dass das System noch funktioniert? Natürlich nicht. Vielmehr wird der Status Quo gefestigt, indem suggeriert wird, es gebe eben doch noch Grenzen. Belfort wurde nicht geläutert oder bestraft. Im Gegenteil: Hätte er den Exzess ungebremst weitertreiben dürfen, wäre er letztendlich wohl implodiert. Vielleicht lässt man ihn beim nächsten Mal gewähren und schafft Räume für radikalere Neuanfänge.

Schaut man The Wolf of Wall Street ist es einfach, die Geschehnisse auf dem Bildschirm mit einer gewissen Angewidertheit über sich ergehen zu lassen und zu denken: So bin ich wenigstens nicht. Doch ist es nicht so, dass die ironische Distanz, in der Belfort zu den eigenen moralischen Schlechtigkeiten steht, der Art und Weise, in der wir regelmäßig gegen unsere eigenen Werte verstoßen, nicht unähnlich ist? Wenn wir zu viel fliegen, billige Produkte konsumieren. Ironische Distanz: Wir wissen, es ist falsch – und gerade deshalb können wir problemlos weitermachen. Oder wie es einer formuliert hat, der klüger ist als ich: „Wenn wir The Wolf of Wall Street schauen, ist die Leinwand, die wir zu betrachten glaubten, am Ende eines: Eine Kamera.“

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