Tag: 16. Juli 2019

Fitzcarraldo (1982, R: W. Herzog) KRITIK

Fitzcarraldo ist dank einem nicht wirklich wirklich gelungenem ersten Drittel, das durch ein nicht immer geglücktes Pacing leider merklich zu lang geraten ist, keineswegs perfekt. Und doch sehen wir einen ganz wunderbaren Film über den Konflikt zwischen den Fantasmen eines Träumers und dessen ewigem Antagonisten, der schwermütigen Realität.

Darüber hinaus gelingt es Werner Herzog, einen der zentralen Gegensätze unserer Gegenwart gekonnt und klug zu inszenieren: Wir und die Anderen. Die Indianer, die Anderen, werden hier auf eine Weise gezeigt, wie man sie selten im Kino erlebt. Sie dienen nicht als Projektionsflächen für die moralische Aufarbeitung westlicher Kolonialismuserfahrungen und somit letztendlich nur als Objekte. Indianer sind hier keine Unschuldsfantasien, die moralisch unendlich gut sind und all das besser machen, was der weiße Mann nicht kann. Sie sind viel eher wie du und ich: Ambivalent, nicht schwarz oder weiß, Ziele verfolgend, mit der Fähigkeit, sich moralisch schlecht zu geben.

Der Umgang mit dem Fremden, dem Unverständlichen in Fitzcarraldo sagt eines aus: Wir verstehen euch nicht, ihr versteht uns nicht – lasst uns freundlich zueinander sein. In Zeiten, in denen das seltendoofe Sprichtwort des Feindes, der nur ein Feind ist, weil man seine Geschichte nicht hören möchte, seinen zweiten Frühling erlebt, plädiert Fitzcarraldo auf klügere Weise: Versteht euch nicht. Vermutlich könntet ihr es nichtmal. Koexistiert dennoch.

Fitzcarraldo ist kein Meisterwerk, aber dank eines klugen Narrativs, einer wundervollen Ästhetik und einem Klaus Kinski, der irgendwo im Grenzgebiet zwischen brilliantem Schauspiel und realem Wahnsinn dahinschwebt, ein famoser Film. Wir werden in eine Zeit entführt, in denen es Träume zwar schwer haben, aber ihre Verbindung zum Realen nicht gänzlich gekappt wurde. Heute, in Zeiten, in denen die globale kapitalistische Ordnung zunehmend als Naturzustand gedacht wird, ist die Frage eine andere: Können wir überhaupt noch subversiv träumen?

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