Tag: 11. Juli 2019

There Will Be Blood (2007, R: P.T. Anderson) KRITIK

Das Visuelle, das die Sinne hier umgarnt, ist wahrlich umwerfend. Wir sehen. Wir sehen fantastische One-Takes, einen beängstigenden Daniel Day-Lewis, der vom meisterhaften Paul Dano sogar noch übertroffen wird, und eine Cinematografie, die epochal daherkommt. Zwar ist die bloße Idee, dass wenige Cuts die Bedeutung eines jeden einzelnen von ihnen steigern für gewöhnlich akzeptiert, There Will Be Blood zeigt jedoch noch einmal mehr als eindrücklich, warum dem so ist. Wir hören. Wir hören die erdrückenden Kompositionen Jonny Greenwoods, die uns in sprachlosen 15 einleitenden Minuten gefangen nehmen und erst mit dem Abspann wieder auspucken. 

Dank famoser Protagonisten erleben wir in all dieser Bildgewalt einen intensiven psychologischen Kampf, der aber dennoch nur Projektionsfläche für den größeren Zusammenhang ist: Dem Kind wird hier bereits zu Beginn der kalte Rücken zugekehrt, zugunsten des Lockrufs des Geldes. Für den Vater endet dies letztendlich tödlich. Und auch Plainview selbst, dessen Nachname stets Programm bleibt, endet als verbitterter Alkoholiker. Allein. Nicht einmal der eigene Sohn kann außerhalb des kapitalistischen Zusammenhangs stehen, im Zweifel ist er nichts als Konkurrenz.

All diese Motive sind seit dem Western jedoch mehr als bekannt. Und intelligenter erzählt wurden sie uns auch schon. There Will Be Blood wird dann interessant, wenn man sich auf die Parallelen zum Hier und Jetzt fokussiert. Eine Welt, in der die Fixpunkte der Menschen, ihre Werte, ihre Religion erodieren, können wir auch heute vor den Fenstern der Peripherie und der Stadt gleichermaßen beobachten. In einer solchen Welt sind Daniel Plainviews‘ Erben aktiver denn je. Ihnen fehlt vielleicht das Charisma, weniger skrupellos sind sie aber nicht.

Mit There Will Be Blood präsentiert P.T. Anderson einen Film, in dem jede Einstellung, jede Szene danach schreit, Monument zu werden. Einen Film, der jedoch auch Längen besitzt und dessen Geist dem visuellen Genie stets ein wenig hinterher hinkt. Ein Meisterwerk, das sehen wir am Ende nicht.

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